Goldene Abrissbirne 2025:
Verlust der ehemaligen Pfarrkirche St. Laurentius in Haltern am See
18.11.2025
Die Goldene Abrissbirne des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte e.V. wird in diesem Jahr an das Bistum Münster verliehen, und zwar für den Abriss der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Laurentius (Otto Bongartz, 1953/54) auf dem Römerberg in Haltern am See – im Kontext der Abbruchwelle von Nachkriegskirchen in Deutschland.

Nicht denkmalgeschützt, mit erheblichem Sanierungsstau und einer schrumpfenden Kirchengemeinde im Rücken steht die 1953/54 nach Plänen des Aachener Architekten Otto Bongartz (1895–1970) errichtete Kirche damit beispielhaft für das Schicksal einer ganzen Baugattung.
Die Goldene Abrissbirne 2025 versteht sich als Plädoyer für einen offenen Umgang mit Sakralbauten, einem der fruchtbarsten Zweige des baukulturellen Erbes des 20. Jahrhundert. Die Verleihenden leitet die Überzeugung, dass dieses Erbe durch solche Abbrüche unnötig geschmälert wird. Durch andere wichtige öffentliche Diskussionen und Aktionen wie z. B. das Kirchenmanifest von 2024 sehen wir uns in dieser Überzeugung bestärkt. Im Herbst 2025 verleihen wir die Goldene Abrissbirne stellvertretend für das große gesellschaftliche Thema „Zukunft von Sakralbauten“ an das Bistum Münster, das in seinem Handlungsspielraum maßgeblich an der Frage des Umgangs mit (nicht denkmalgeschützten) Kirchengebäuden aller Zeitstellungen beteiligt ist.
Die Goldene Abrissbirne wurde erstmals 2020 vom Deutschen Verband für Kunstgeschichte verliehen. Sie geht an Eigentümer, die kulturhistorisch wertvolle Gebäude beseitigen, obwohl gute Argumente für deren Erhaltung und Weiternutzung vorliegen und der Abbruch den unwiederbringlichen Verlust von Kulturerbe bedeutet. 2024 wurde die Negativauszeichnung an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben für den Verlust des sog. Generalhotels (Max Schmidt, 1948/49) in Schönefeld bei Berlin vergeben. Dass die Auszeichnung auch 2025 wieder an ein Objekt der unmittelbaren Nachkriegszeit geht, führt schmerzhaft vor Augen, dass Objekte dieser Zeitstellung – obwohl von der Fachwelt längst in den Kanon der Architekturgeschichte aufgenommen – in ihrer historischen Bedeutung und Architektur häufig noch immer unterschätzt werden.
Der Fall
Auf dem Haltener Römerberg errichtete Otto Bongartz 1953/54 einen Kirchenneubau mit Pfarrzentrum, dessen Architektur sich in eine traditionelle Linie des modernen Kirchenbaus einordnen ließ. Das gänzlich in Sichtziegelmauerwerk ausgeführte Gebäude besaß einen von beeindruckender Schlichtheit geprägten Innenraum, der in seiner Atmosphäre maßgeblich durch die am First abgerundeten Stahlbetonrahmenbinder geprägt wurde. Eine in den 1950er und 1960er Jahren gewachsene Ausstattung, wie etwa die Buntglasfenster aus der Werkstatt des Glaskünstlers Paul Weigmann (1923–2009), rundete die qualitätvolle wie ausdrucksstarke Innenraumgestaltung ab. Bei der Inventarisation des Nachkriegskirchenbestandes im Bistum Münster vor einigen Jahren wurde die Kirche St. Laurentius nicht unter Denkmalschutz gestellt. Die schiere Masse an qualitätvollen Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne verhindert, schon alleine auf Grund beschränkter Kapazitäten in den Unteren Denkmalschutzbehörden oder Landesämtern, eine vollumfängliche Erfassung und Unterschutzstellung. Nicht jede Nachkriegskirche kann am Ende auf der Denkmalliste des jeweiligen Bundeslandes stehen. Dies ist aber auch gar nicht zwingend erforderlich, da die Denkmallisten immer nur eine Auswahl besonders typischer oder bedeutsamer Gebäude abbilden können. Gleichzeitig ist es offensichtlich, dass auch Kirchen wie St. Laurentius auf dem Haltener Römerberg eine große kulturhistorische Bedeutung besitzen. Als selbstbewusste Zeichen erstarkender Gemeinden in einem nach dem 2. Weltkrieg aufgewühlten Land wurden vielfältigste architektonische Lösungen von den begabtesten Architektinnen und Architekten der Zeit gefunden. Nun sind diese Gebäude durch den Schwund der Kirchenmitglieder gefährdet.

Die Kirche St. Laurentius kann in Geschichte, Städtebau, Architektur und künstlerische Ausstattung als eine typische Nachkriegskirche in Nordrhein-Westfalen gelten. Sie wurde daher stellvertretend als „eine von vielen“ im Kontext der Abbruchwelle von Nachkriegskirchen in Deutschland posthum im Oktober 2025 auf die Rote Liste des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte aufgenommen.
Die Aufnahme auf die Rote Liste geht auf die gemeinsame Aktion #kirchenabriss mit dem Projekt „invisibilis“ des Online-Magazins moderneREGIONAL zurück. Projektleiterin Karin Berkemann verzeichnet in ihrer öffentlich recherchierbaren Datenbank inzwischen über 2.300 Einträge zu Kirchengebäuden in ganz Deutschland, die in ihrem Bestand gefährdet, teilweise bereits geschlossen oder gar abgerissen worden sind. Ein Blick in die Datenbank führt schmerzlich vor Augen, dass besonders Nachkriegskirchen vom Abriss bedroht sind. Im Oktober 2025 sind 518 abgerissene Kirchen verzeichnet – Tendenz stark steigend.
Kommentar
Prof. Dr. Stefanie Lieb, DFG-Forschungsprojekt TRANSARA (Sakralraumtransformation in Deutschland), Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln:
„Die Kirche St. Laurentius in Haltern wurde, wie so viele andere Nachkriegskirchen in Deutschland auch, zu vorschnell abgerissen. Wir erleben momentan wahrscheinlich die höchste Welle an Nachkriegskirchen-Abrissen seit den 2000er Jahren, wo sie sich allmählich aufzutürmen begann. Nach dem jetzigen Tsunami allerdings, wenn er nicht irgendwie noch durch eine Kehrtwende in den Zuständigkeiten, Finanzierungs- und Beteiligungsstrukturen aufgehalten werden kann, wird es diese für Deutschland und den Wiederaufbau nach 1945 so wichtigen Kirchengebäude nicht mehr geben. Das wäre nicht nur aus architekturhistorischer Sicht sehr schade, sondern es würde auch ein Armutszeugnis über die heutige deutsche Gesellschaft ablegen und ihren Umgang mit den modernen Sakralräumen, die damals im demokratischen Sinn und mit viel Eigeninitiative der Großelterngeneration wiederaufgebaut bzw. neu gebaut worden sind.
Es gibt in dieser Abriss-Tragödie keine Schuldigen, es gibt nur „suboptimal“ verlaufende Transformationsprozesse: aufgrund des Finanzdruckes auf die jeweiligen Kirchengemeinden, der keine Zeit und Freiräume für Alternativlösungen unter Einbeziehung des vorhandenen Kirchengebäudes zulässt. Zu meinen, dass mit dem Erhalt des Kirchenturmes und der in den Neubau integrierten Ausstattung die besondere sakrale Atmosphäre des verschwundenen Kirchenraumes wieder erzeugt werden könne, ist etwas naiv und wird so nicht funktionieren.
Denn die sakrale Atmosphäre von St. Laurentius in Haltern war etwas Besonderes. Am Außenbau war die Kirche mit Satteldach und Backsteinoptik eher schlicht gehalten, im Inneren hatte sich ihr Architekt, Otto Bongartz, allerdings eine spektakuläre Wirkung einfallen lassen: Er überwölbte den Raum mit ellipsoid verlaufenden Betonträgern, die, wie die Rippen eines Walfischs, die Gemeinde schützend umfingen. Es verwundert etwas, dass diese Kirche nicht noch unter Denkmalschutz gestellt wurde, qualitativ steht sie durchaus auf einer Höhe mit den zwei bekannteren und denkmalgeschützten Kirchen des Architekten wie die Heilig-Geist-Kirche in Aachen und St. Albertus Magnus in Köln-Lindenthal.
Es wäre sicherlich auch möglich gewesen, diesen besonderen Nachkriegskirchenraum intelligent zu sanieren, umzubauen und in das Konzept des neuen Laurentius-Campus zu integrieren.“
Hintergrund
Im Dezember 2019 startete der Deutsche Verband für Kunstgeschichte sein Projekt „Rote Liste – ein Denkmalgewissen für Deutschland“. Der Deutsche Verband für Kunstgeschichte ist der Berufs- und Fachverband für Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in Deutschland. Mit rund 5.700 Mitgliedern zählt er zu den größten Verbänden in den Geisteswissenschaften bundesweit. Mit der Roten Liste will der Vorstand dazu beitragen, auf Denkmalgefährdungen aller Art aufmerksam zu machen. Die Rote Liste will das Verständnis für die Objekte schärfen und Lösungswege aufzeigen.
Wir sind überzeugt, dass in allen Fällen zugunsten des Denkmals entschieden werden könnte. Die ausgewählten Fallbeispiele sollen aufzeigen, wie aus Sicht des Verbandes für Kunstgeschichte Chancen vergeben werden und wie Kulturerbe verlorengeht – aber auch, wie gelungene Beispiele von Denkmalentwicklung aussehen und an welchen Orten durch zumeist bürgerschaftliches Engagement oder ein konstruktives Miteinander der lokalen Akteure Denkmale gerettet werden.
Seit der Gründung der Roten Liste des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte haben sich in den Ländern weitere Kulturerbe-Netze gegründet, die auf Landesebene gefährdete Objekte verzeichnen. Unabhängig vom kulturhistorischen und/oder Denkmalwert werden im Abriss-Atlas Verluste von Bausubstanz erfasst. Der Abriss von Bausubstanz ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Die Baubranche trägt einen enormen Anteil am CO₂-Ausstoß. Jedes Gebäude, das abgerissen wird, produziert Bauschutt und Sondermüll, der entsorgt werden muss. Die Denkmalpflege arbeitet seit Jahrzehnten mit Nachnutzung und Reparatur und trägt damit zur Nachhaltigkeit in der Baubranche bei. Der Verlust von Denkmalen ist nicht nur ein kultureller Verlust, sondern auch Ressourcenverschwendung.
In besonderen Fällen wird der Verlust eines Denkmals mit der Goldenen Abrissbirne ausgezeichnet, die 2020 erstmals vergeben wurde. Auch wenn die Laurentiuskirche in Haltern am See nicht mehr zu retten war, kämpfen derzeit viele Initiativen für den Erhalt jüngerer Baudenkmale. Durch unser Engagement wollen wir auch auf den anhaltenden Verlust Moderner Architektur hinweisen. Aktuell beispielsweise steht der Abbruch der „Laubfroschoper“ in Mettmann zur Debatte.
Kontakt
- Geschäftsadresse
- Deutscher Verband für Kunstgeschichte e.V.
Haus der Kultur
Weberstr. 59 a
53113 Bonn - Dr. Martin Bredenbeck (Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte e.V.)
- martin.bredenbeck@vorstand.kunstgeschichte.org
- info@kunstgeschichte.org
- Die Rote Liste – ein Denkmalgewissen für Deutschland
- http://roteliste.org