Rede zur Eröffnung des 38. Deutschen Kongresses für Kunstgeschichte
Rede unserer Ersten Vorsitzenden Kerstin Thomas, gehalten im Rahmen der Eröffnung des Kongresses an der LMU München in der Großen Aula des LMU-Hauptgebäudes am 25. Februar 2026.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen des Deutschen Verbands für Kunstgeschichte darf ich Sie herzlich zu diesem 38. Kongress für Kunstgeschichte begrüßen. Wir freuen uns sehr, dass wir hier in München, an der Ludwig-Maximilians-Universität und dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte zu Gast sein dürfen. Nachdem unsere intensiven Gespräche mit zahlreichen kunsthistorischen Instituten über die Ausrichtung des Kongresses aus je spezifischen Gründen nicht zum Erfolg geführt haben sah sich der Verband, wir alle, mit der Tatsache konfrontiert, dass es 2026 keinen Kongress geben würde. In dieser Situation hat Ulrich Pfisterer die Verantwortung übernommen, unserer Fachcommunity einen Ort, bzw. zwei Orte!, zu gewähren, an denen wir – aufgrund der verkürzten Vorbereitungszeit – nun ein etwas strafferes Programm erleben werden, das aber nicht minder attraktiv ist. Gemeinsam mit den Münchner Kolleginnen und Kollegen haben wir in nur einem Jahr Vorbereitungszeit spannende Sektionen zum Thema „wissen“ erarbeitet. Das Vorbereitungsteam, erweitert um eingeladene Co-Sektionsleiterinnen und ‑leiter hat das Thema von verschiedenen Seiten aufgegriffen, vertieft, ausgefaltet und hat aus den zahlreichen eingegangenen Vorschlägen der Fachcommunity Vortragsthemen für die Sektionen ausgewählt und zusammengestellt. Es gab so viele außerordentlich interessante Einsendungen, dass die Auswahl besonders schwerfiel.
Das Motto des Kongresses ist „wissen“. Wissen ist etwas Erworbenes. Da Kunst die Summe künstlerischer Handlungen und Praktiken ist, ist das künstlerische Wissen eine Errungenschaft, die auf zahlreichen zurückliegenden Tätigkeiten beruht. Diese wiederum sind gespeist von denen zahlreicher weiterer Träger des technischen und kulturellen Wissens, seien es Personen, Objekte, oder Materialien. Als Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker interessiert uns deshalb neben dem individuellen, sich im künstlerischen Tun äußerndem Wissen, oder dem kognitiven Potential der Einzelnen, das überindividuelle Wissen, welches Träger von Kultur ist.
Dieses Merkmal zeichnet uns hier Versammelte als Wissen Erwerbende auch selbst aus, ebenso wie unseren Versammlungszweck: Dass nämlich unser individuell betriebener Wissenserwerb eine grundlegend historische und soziale Dimension hat, indem er zutiefst verbunden ist mit den Denkinhalten (Wissen, Erfahrung, Gewohnheit) gesellschaftlicher Gruppen. Der polnisch-jüdische Mediziner und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck hat den Charakter der Wissenschaft als Tätigkeit zuerst in seinem 1935 in Basel erschienenen Buch „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ beschrieben. Er hat in diesem sowie weiteren Schriften, die er – unterbrochen durch Internierungen in den KZ von Auschwitz und Buchenwald – nach der Befreiung des Lagers in Polen bis in die späten 50er Jahre publizierte, herausgestellt, dass Wissen sich einem sozialen Prozess verdankt, dessen Faktoren bestimmt sind von den Normen, Gebräuchen und Sichtweisen einer jeweiligen Denkgruppe – also, ihrerseits zu Wissen geronnenen sozialen Erfahrungen.
Wissenschaftlicher Austausch, wie ihn ein Kongress bereitstellt, dient demnach dazu, nicht nur neues Wissen zu erwerben, sondern auch, die Genese, die Beschaffenheit und die Wirkweise des eigenen Wissens zu verstehen. Dass die Mechanismen des Wissenserwerbs dabei nicht nur durch wechselseitiges Fördern und Unterstützen geprägt sind, sondern auch Ausschlüsse, feindliche Übernahmen, Orientieren an einer Mehrheitsmeinung, Interessensbündelungen und Interesselosigkeit mit sich bringt, werden wir alle konzedieren können. Dies sollte uns jedoch nicht dazu verleiten, die Bequemlichkeit der eigenen Denkgemeinschaft gegenüber dem Austausch vorzuziehen. Vielmehr bietet ein solcher Kongress, der sich an den weiten Kreis der Fachgemeinschaft mit all seinen Professionalisierungsstufen, Berufsgruppen und natürlich auch Denkschulen richtet, die Möglichkeit, gerade über die Konfrontation mit anderen Perspektiven das Wissen anderer unmittelbar kennenzulernen und auch darüber Wissen über das eigene Wissen zu erlangen. Einschließlich seiner blinden Flecken, Selektionsprinzipien und eingedenk des momenthaften Charakters seiner Geltung.
In der Vorbereitung dieses Kongresses wurde uns deutlich, wie wichtig dazu eine starke Fachcommunity ist, die aktiv diese Prozesse mitgestaltet. Und so möchte ich mit Blick auf den nächsten Kongress bestärken, dass dort mit einem längeren Vorlauf wieder das erprobte Modell der zweistufigen Ausschreibung durchgeführt werden sollte: Sektionsleitungen und Vorträge – potenziert dies doch noch einmal die Pluralität der Sichtweisen. Gleichzeitig möchte ich Sie alle dazu ermutigen, als Mitglieder des Verbandes an der lebendigen Gestaltung unserer Fachgemeinschaft mitzuwirken!
Kunsthistorisches Wissen ist – wie alles Wissen partiell und heterogen. Aber es ist nicht einfach volatil und kontingent. Gerade dazu trägt die lebendige fachliche Auseinandersetzung bei, die Objekte dreht und wendet, und neue Objekte der Betrachtung hinzufügt, die Begriffe befragt, ebenso wie Ordnungsmuster und Narrative, die über Begrenzungen und Erweiterungen der Wissensgegenstände, ‑formen und Geltungsbereiche verhandelt. Solch ein großer Kongress bietet die Möglichkeit, die Linien in der Auseinandersetzung neu zu vermessen. Dies erfordert die Bereitschaft, das Sich-Einrichten in feste Denkgebäude zu überwinden und die Grundlagen des eigenen Denkens beständig im Kontakt mit anderen Denkgemeinschaften und unter Einhaltung wissenschaftlicher Standards zu reflektieren. Diese Mühseligkeit der Ebenen ist allemal dem konsensualen Gebrauch des auf Ideologie des Meinens schnell fabrizierten Alternativwissens, das sich als gleichwertig bezeichnet, vorzuziehen. Der Feind des Wissens ist nicht das agonale Gegenüber, es ist die sich jeder Auseinandersetzung entziehende Gewissheit. Denn diese mündet in Stillstand und verhindert damit innovative Wissensproduktion.
Nicht allein der Wissenserwerb, auch die Bewahrung des Wissens erscheint heute erneut leider nicht als Selbstverständlichkeit. Die mit dem Eifer der Aufklärung und dem Zeitalter der Enzyklopädien verbundene Gutgläubigkeit, Wissen ließe sich akkumulieren und dadurch sukzessive vermehren, erscheint heute nicht allein als fragwürdig; auch der damit verbundene Glaube, dass sich bessere Argumente und Beweise zwangsläufig durchsetzen würden, hat sich als das erwiesen, was er ist: ein frommer Wunsch. Die Einsicht, dass Wissen stets das einer spezifischen Gruppe ist, dass es auf Aus- und Abgrenzung, Ausbeutung oder Aneignung beruht, hat sich als notwendiges und äußerst produktives Korrektiv erwiesen. Deutlich wurde auch, dass eine Annahme von Wissen als Stapelware zu beschränkt ist, lässt sie doch Dynamiken und Wechselwirkungen außer Acht, die darauf beruhen, dass „das Sehen/das Denken/das Wissen soziale Akte“ sind. Heute wird uns zudem bewusst, dass Wissen nur bedingt speicherbar ist. Dass die Wissensspeicher selbst an Normdaten orientierten Algorithmen unterworfen sind, die nicht nur technische Beschränkungen und ideologische Biases aufweisen, sondern zudem seit einigen Jahren auch noch ein halluzinierendes Eigenleben führen, das viele mit Begriffen von Denken und Wissen versehen. Kunst kann mit ihren spezifischen Wissensformen Einblicke in das große Laboratorium menschlicher Wissensproduktion bieten. Sie kann diese vor allem jenseits der Denkgemeinschaften allgemein vermitteln.
Dem Erwerb von kulturellem Wissen, der Bewahrung und Vermittlung: dieser Aufgabe stellen wir uns als Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in unserer Fachdisziplin und in unseren Berufsfeldern, die im Verband mit Verantwortlichen für Hoch-schule und Forschungsinstituten, Museum, Denkmalpflege und freien Berufen im Vor-stand vertreten sind. Als Fachgesellschaft sehe ich unsere Aufgabe, das kollektive Wissen unserer Mitglieder zu organisieren, ihren Austausch miteinander und mit der weiteren Fachcommunity und der Gesellschaft zu befördern. Der zweijährige Deutsche Kongress für Kunstgeschichte, der über die thematisch enger begrenzten Kongresse in unserem Fach hinausgeht und alle Berufsfelder umfasst, ist dafür das sichtbarste und schönste Mittel.
Wir stehen als Fachgesellschaft aber auch vor einer immensen Aufgabe und Herausforderung, wie schon lange nicht mehr. Von verschiedenen Seiten mehren sich Angriffe, auch unauffällig erscheinende Versuche, die Wissenschaftsfreiheit zu unterminieren, den streitbaren Austausch zu verhindern, ideologische Eindeutigkeiten einzufordern, die Wissensbestände zu kapern. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft ist es unsere Aufgabe, seismographisch Beschneidungen und Anfeindungen oder Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit zu erfassen. Als institutionell unabhängige Organisation verfügen wir über die notwendige Freiheit und die wissenschaftliche Autorität hierfür. Gemeinsam mit den benachbarten wissenschaftlichen Fachgesellschaften, den Verbänden für Historikerinnen und Historiker, für Medizinethik, für die verschiedenen Philologien, die Anthropologie, dem Zusammenschluss naturwissenschaftlicher Fachverbände und anderen haben wir mit Unterstützung der VW-Stiftung eine Dachinitiative zur Stärkung der Resilienz der Wissenschaftsfreiheit gegründet und ergreifen konkrete gemeinsame Maßnahmen, diese Freiheit gegen Angriffe zu schützen, die oft unter dem Deckmantel des bloß partiellen und lokalen Einzelfalls operieren. Diese gemeinsame Initiative erhöht die Sichtbarkeit, die Schlagkraft und die politische Wirksamkeit der Maßnahmen. Wir müssen den freien Raum der fachlichen Auseinandersetzung verteidigen. Um „wissen“ als Verb und damit als Tätigkeit zu schützen und zu gewährleisten.
Wissen vermehrt sich durch Ansteckung, Austausch, Abgleich, durch Fragen und Infragestellen, durch Diskussion, Dekonstruktion und Definition – also durch das, was eine lebendige Gemeinschaft ausmacht. Dass wir es als wissenschaftliche Community wieder geschafft haben, uns den Rahmen für eine solche Wissensmehrung zu schaffen, macht mich froh und zuversichtlich, dass wir in unserer ganzen Vielfältigkeit und unseren unterschiedlichen Perspektiven unser Fach lebendig halten.
Wir möchten herzlich unseren Förderern danken, die diesen Kongress unterstützt haben: Der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die großzügige Übernahme von Reisekosten der auswärtigen Vortragenden, der Gerda Henkel Stiftung, die mittels Reisestipendien einer großen Anzahl von Studierenden und Early Careers die Teilnahme am Kongress ermöglicht haben, dem Freundeskreis des Instituts für Kunstgeschichte der LMU sowie dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus für Fördermittel zum Kongress. Dem Direktor des Museums Brandhorst, Achim Hochdörfer, danken wir für die Einladung zur Abenderöffnung, der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung für die Gewährung des freien Eintritts für unsere Kongressgäste während der Kongresstage und schließlich dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als Gastgeber des Forums unserer Berufsgruppe Denkmalpflege.
Unser Dank richtet sich insbesondere an Ulrich Pfisterer, den wir nur ein bisschen überreden mussten und der dann mit großer Begeisterung, Elan und dem Einsatz sämtlicher verfügbarer Kapazitäten in einer äußerst produktiven Zusammenarbeit mit dem Verbandsvorstand und der Geschäftsstelle diesen Kongress möglich gemacht hat. Ebenso danken wir seinen Kolleginnen und Kollegen am ZI und der LMU, die das Programm von Anfang an mitgestaltet haben: Dominic Brabant, Matilde Cartolari, Burcu Dogramaci, Christian Fuhrmeister, Henry Kaap, Léa Kuhn, Franziska Lampe, Joanna Olchawa, Georg Schelbert, Ilse Sturkenboom, sowie den assoziierten Fachkollegen und ‑kolleginnen der Sektionsleitungen. Auf Münchener Seite gebührt insbesondere Barbara Falterer und Lisa Jordan großer Dank für die professionelle und stets kollegiale Organisation.
Einen solchen Kongress alle zwei Jahre anzuschieben, in allen Details zu durchdenken, zu betreuen und schließlich auch abzuwickeln ist eine Riesenaufgabe. Ohne unseren Geschäftsführer, Marcello Gaeta, unsere Referentin in der Geschäftsführung, Cornelia Kirschbaum und diesmal zusätzlich mit Unterstützung von Maria Simon wäre dies unmöglich. Dafür, dass sie dies wieder einmal möglich gemacht haben, und wie immer die Übersicht, die Zuversicht und sogar die gute Laune bewahrt haben gilt unser besonderer Dank.
Wir wünschen Ihnen und Euch nun reiche Erkenntnisse, anregende Gespräche und einen produktiven Austausch in den Panels, Gruppen, Foren, sowie davor, danach, daneben und dazwischen: Auf gute Wissensvermehrung!
Es gilt das gesprochene Wort.