UNESCO-Welterbe Bad Kissingen: Sanatorium Apolant und Fürstenhof

Akute Gefährdung


Sanatorium Apolant – ehem. jüdisches Kurheim
Menzelstraße 8–10 (Welterbe-Schutzzone)
97688 Bad Kissingen

Fürstenhof („Zuckerschlösschen“)
Bismarckstraße 6 (Welterbe-Schutzzone)
97688 Bad Kissingen



Vier denkmalgeschützte Bauwerke in zwei deutschen Welterbe-Städten der „Great Spa Towns of Europe“ sind durch Überformung, Leerstand und unterlassene Instandhaltung gefährdet. In Bad Kissingen sind das Sanatorium Apolant und der Fürstenhof betroffen.

  • Erbaut: 1906 mit Erweiterung 1911 (Apolant) / 1856 mit Erweiterungen bis 1909 (Fürstenhof)
  • Entwurf: Paul Schultze-Naumburg (Apolant) / Andreas Lohrey (Villa Gordon)
  • Geschützte Baudenkmäler: ja (Bay. Denkmalliste D-6-72-114-67 / D-6-72-114-275 und D-6-72-114-51)

Welterbe unter Druck: Gefährdete Baudenkmäler in Bad Ems und Bad Kissingen

Vier denkmalgeschützte Bauwerke in zwei deutschen Welterbestädten – das Badhaus und die Bergstation der Malbergbahn in Bad Ems, das Sanatorium Apolant und der Fürstenhof in Bad Kissingen – gefährden durch Überformung, Leerstand und unterlassene Instandhaltung den Außergewöhnlichen Universellen Wert (OUV) der transnationalen seriellen Welterbestätte „Great Spa Towns of Europe“, der elf Kurstädte in sieben europäischen Ländern umfasst.

Dieser Beitrag befasst sich mit den beiden in der Welterbe-Schutzzone von Bad Kissingen liegenden Bauwerken (vgl. auch Beitrag zu Bad Ems).

1. Das Sanatorium Apolant (1906) – ehem. jüdisches Kurheim
2. Der Fürstenhof („Zuckerschlösschen“)

1. Das Sanatorium Apolant (1906) – ehem. jüdisches Kurheim

Der Bau und seine Geschichte

Das Sanatorium Apolant, 1906 nach Plänen des Architekten Paul Schultze-Naumburg im barockisierenden Jugendstil errichtet, gehört zu den bedeutendsten Kurbauwerken Bad Kissingens. Das Stammhaus, ein dreigeschossiger Mansardwalmdachbau mit erhöhtem Mittelrisalit und Zwerchhausgiebel, wurde 1911 durch einen ebenfalls von Paul Schultze-Naumburg entworfenen Anbau ergänzt. Als „Kurhaus Dr. Apolant“ war es ein Sanatorium für innere Erkrankungen und Diätkuren – Teil jenes Netzwerks medizinisch-touristischer Einrichtungen, das die großen Kurstädte zu internationalen Anziehungspunkten machte. Erbauer und Namensgeber war Dr. Edgar Apolant, Sanitätsrat aus Berlin jüdischer Abstammung. Das Sanatorium erfreute sich internationalen Renommees in der Blütezeit des europäischen Badewesens.

Ehem. Sanatorium Apolant, Stammhaus, Dezember 2012. Foto: Sigismund von Dobschütz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung begann die Verfolgung der Familie Apolant: Die Witwe Emma Apolant führte den Kurbetrieb unter immer schwereren Bedingungen bis 1938 weiter – u. a. richtete sie im Garten eine eigene Promenade ein, nachdem jüdischen Gästen der Zugang zum Kurgarten verwehrt worden war. Ella Apolant, Schwester des Gründers und langjährige Empfangsdame, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort 1944. Ein Stolperstein vor dem Haus erinnert an sie. Nach jahrelangen Restitutionsverhandlungen gelangte das Anwesen 1953 zurück an die Erben und wurde bis 1978 als Reha-Einrichtung betrieben. Seitdem steht der Gebäudekomplex leer.

Veränderungsdruck und Gefährdungslage

Fast fünf Jahrzehnte Leerstand haben ihre Spuren hinterlassen: An den auskragenden Bauteilen kam es bereits zu Teileinstürzen. Der Gehweg entlang des Gebäudes ist seit Jahren gesperrt, weil Fassadenteile herabzufallen drohen. 2012 erteilte der Bad Kissinger Stadtrat – damals noch vor der Welterbe-Eintragung – eine Abrissgenehmigung, die inzwischen erloschen ist. Wechselnde Eigentümer scheiterten mit ihren Plänen zur Umnutzung: Mehrere Investoren planten Hotel- oder Feriennutzungen und scheiterten jeweils an der Finanzierbarkeit. Aktuell ist keine laufende Sanierungsmaßnahme bekannt. Die Stadt hat eine Notsicherung angeordnet, gegen die allerdings Klage erhoben worden ist. Den baulichen Zustand schätzt die Stadtverwaltung Bad Kissingen als „absolut erhaltensfähig“ ein – was bedeutet, dass ein erneuter Abrissantrag hohe rechtliche Hürden hätte, zumal das Gebäude seit 2021 in der Welterbe-Schutzzone liegt.

Bedeutungsaspekte für Architektur, Stadtbau und Erinnerungskultur

Das Sanatorium Apolant ist ein Baudenkmal von außergewöhnlichem Mehrwert: Es ist zugleich ein herausragendes Beispiel der Kurhausarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, ein stadtbildprägendes Element des Kurviertels und ein Ort des jüdischen Kulturlebens in Bad Kissingen vor der Shoah. Die jüdischen Kurgäste und Kurbetreiber waren ein konstitutiver Teil der Blütezeit der europäischen Kurstädte – ein Aspekt, der in der Nominierungsdokumentation der „Great Spa Towns of Europe“ als Teil der besonderen sozialen Geschichte des Kurortwesens anerkannt wird. Der Verlust des Apolant-Baus würde daher nicht nur ein architektonisches Zeugnis auslöschen, sondern auch einen zentralen Erinnerungsort der deutsch-jüdischen Geschichte des Kurwesens. Das Gebäude ist, wie die Stadt Bad Kissingen selbst betont, eines der prägenden Häuser des Kurviertels. Die OUV-Kriterien (ii) und (iv) des Welterbes wären durch den Verlust eines solchen Schlüsselgebäudes im Kurviertel direkt berührt.

Der Baukomplex wird zunehmend sanierungsbedürftig; Zustand März 2026. Foto: Martin Hughes

Fazit

Das Sanatorium Apolant steht seit fast fünfzig Jahren leer und verfällt. Alle bisherigen Umnutzungsversuche sind gescheitert. Es ist an der Zeit, dass Freistaat Bayern, der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien sowie die Welterbe-Koordination im Verbund mit der Stadt Bad Kissingen einen runden Tisch einberufen und ein tragfähiges Sanierungskonzept entwickeln – unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Geschichte des Hauses. Angesichts des Status als Welterbestätte kann der jetzige Bauzustand keine Option mehr sein.

Reste der Einfriedung (um 1906), Zustand März 2026. Foto: Martin Hughes

2. Der Fürstenhof („Zuckerschlösschen“, 1856/1880)

Der Bau und seine Geschichte

Der Fürstenhof in Bad Kissingen, direkt am Westufer der Fränkischen Saale gelegen, blickt auf eine außergewöhnlich bewegte Geschichte zurück. 1856 als Kurhotel Bellevue eröffnet, gelangte das Haus 1880 in den Besitz von Anna Gordon und wurde im Stil der Neorenaissance zum dreigeschossigen Fürstenhof mit Hakengrundriss ausgebaut. Das Ensemble – Haupthaus, gusseiserne Balkontechnik (1895), Eckkuppeln und Risaliterhöhungen (1909) sowie die Villa Gordon (1884) – zählt zu den eindrucksvollsten Zeugnissen historistischer Kurhotelarchitektur in Deutschland. Zu seinen Gästen zählten gekrönte Häupter und Angehörige des europäischen Hochadels.

Fürstenhof, 2026. Foto: Martin Hughes

Das Haus diente nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend als Unterkunft für Flüchtlinge, darunter Kronprinzessin Cecilie von Preußen und ihrer Familie; ihr fünftes Enkelkind Prinz Christian-Sigismund kam 1946 im Haus zur Welt. 1984 wurde der Fürstenhof an die Arbeiterwohlfahrt (AWO) verkauft, die ihn bis 2004 als Diabetes-Reha-Zentrum betrieb – weshalb das Haus im Volksmund als „Zuckerschlösschen“ bekannt ist.

Veränderungsdruck und Gefährdungslage

Seit der Schließung 2004 steht das denkmalgeschützte Gebäude leer. Im Jahr 2008 erwarb eine russische Investorengruppe (Fürstenhof SA, Pully/Schweiz) das Areal mit dem Ziel, ein Fünf-Sterne-Hotel mit Medical Spa, Appartementhäusern und Gastronomie zu errichten. Das Vorhaben wurde jedoch nie realisiert. 2019 erlosch die Baugenehmigung. 2018 wurde das Anwesen erneut zum Verkauf gestellt. Seither steht das Areal in einer Warteschleife: Es gibt Interessenten und Planungsgespräche, doch ein verbindliches Sanierungs- und Nutzungskonzept fehlt. Die Bauvoranfrage, die klären soll, ob eine geplante Revitalisierung den Welterbe-Standards entspricht, ist noch nicht abschließend beantwortet.

Bedeutungsaspekte für Architektur und Stadtbaugeschichte

Der Fürstenhof ist ein stadtbildprägender Solitär in prominenter Lage: das herausragendste Beispiel der Neorenaissance-Kurhotelarchitektur im Welterbe-Ensemble Bad Kissingens. Mit seiner gusseisernen Balkonarchitektur, den Eckkuppeln und dem malerischen Gesamteindruck ist er nicht nur ein beeindruckendes Baudenkmal, sondern auch ein zentrales Element der überlieferten Kurvierteltopografie. Gerade die typologische Vielfalt des Ensembles – Kurbäder, Hotels, Villen in unmittelbarer räumlicher Nähe – ist ein wesentliches Merkmal des OUV der „Great Spa Towns of Europe“. Der Fürstenhof steht für den Typus des großbürgerlichen Kurhotels mit internationalem Gästepublikum, der die gesellschaftliche Dimension des Badewesens sichtbar macht.

Fazit

Zwanzig Jahre Leerstand schädigen die Bausubstanz und gefährden das Stadtbild. Bei einem Baudenkmal dieser Qualität und Sichtbarkeit in der Welterbe-Schutzzone konterkariert dieser Zustand den denkmalpflegerischen Anspruch, den die Aufnahme in die Welterbeliste begründet. Die zuständigen Behörden – Untere Denkmalbehörde und Stadtplanung Bad Kissingen, Welterbe-Management – müssen aktiv darauf hinwirken, dass ein tragfähiges Nutzungskonzept entwickelt wird, das den Anforderungen von Denkmalschutz und Welterbe-Kriterien entspricht. Der Status der Welterbestätte muss als Argument für qualitativ hochwertige, die Bausubstanz wahrende Entwicklung genutzt werden.

Fürstenhof, Juni 2014. Foto: Tilman2007, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Fürstenhof, 2026. Foto: Martin Hughes

Übergreifende Bewertung: Das Welterbe als Verpflichtung

Die „Great Spa Towns of Europe“ wurden 2021 als transnationale, serielle UNESCO-Welterbestätte eingetragen. Der Stätte gehören elf Kurstädte in sieben europäischen Ländern an: Bad Ems und Bad Kissingen (Deutschland), Baden-Baden (Deutschland), Bath (Vereinigtes Königreich), Spa (Belgien), Vichy (Frankreich), Montecatini Terme (Italien), Karlovy Vary (Tschechien), Františkovy Lázně (Tschechien), Mariánské Lázně (Tschechien) sowie Bad Gastein (Österreich). Der Außergewöhnliche Universelle Wert (OUV) beruht auf der Authentizität und Integrität des überlieferten architektonischen Bestands sowie auf der urbanen Qualität der Kurviertel als Gesamtensemble.

Alle deutschen Städte – auch Bad Ems und Bad Kissingen – haben sich durch die Nominierung zu einem aktiven Schutz dieses Erbes verpflichtet. Die vier hier dokumentierten Fälle zeigen, dass dieser Schutz derzeit nicht in ausreichendem Maß gewährleistet wird: Eine schleichende Überformung durch Anbauten (Badhaus Bad Ems), ein jahrzehntelanger Verfall von Kernzonenzeugnissen (Malbergbahn), ein dramatisch geschädigter Denkmalbestand ohne erkennbare Sanierungsperspektive (Sanatorium) und ein leerstehender stadtbildprägender Baukörper ohne verbindliche Entwicklungsperspektive (Fürstenhof) – all das zusammen beschreibt eine strukturelle Gefährdung des Welterbes, die über Einzelfälle hinausweist.

Die Redaktion Rote Liste im Deutschen Verband für Kunstgeschichte ruft die zuständigen Denkmalbehörden auf, die notwendigen denkmalfachlichen Überprüfungen und Maßnahmen einzuleiten. Von zentraler Bedeutung ist dabei, dass Behörden und Kommunen geplante Veränderungen im Welterbegebiet stets in enger Abstimmung mit dem UNESCO-Welterbekomitee und ICOMOS vorbereiten und begleiten – nur so lässt sich ein wirksames Monitoring sicherstellen und die bauliche Überlieferung für kommende Generationen bewahren. Kommunen wie Denkmalbehörden dürfen sich dabei weder hinter unterlassenen Sanierungsmaßnahmen noch hinter in denkmalfachlich fragwürdiger Form vollzogenen Eingriffen privater Denkmaleigentümer aus der Verantwortung zurückziehen, sondern sind aufgefordert, das gesamte bauliche Kulturerbe offensiv und vorausschauend in den Blick zu nehmen – etwa in Form eines kontinuierlich fortgeschriebenen und öffentlich begleiteten Masterplans, der in enger Abstimmung mit den genannten Institutionen entwickelt wird. Sollte dies ausbleiben und die Zahl monierungswürdiger Einzelfälle wie den hier dokumentierten noch weiter zunehmen, ist der Außergewöhnliche Universelle Wert (OUV) der transnationalen seriellen Welterbestätte „Great Spa Towns of Europe“ mittelfristig ernsthaft angreifbar.

Text: Marie Mamerow
Redaktion: Cornelia Kirschbaum

Titelfoto: Bad Kissingen, Sanatorium Apolant, im August 2022. Foto: GFreihalter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons