Bethmann-Bank – Bethmannhof
Bethmannstr. 7–9
60311 Frankfurt am Main
An einer städtebaulich wichtigen Stelle in der Frankfurter Innenstadt wird ein bedeutendes stadt- und architekturhistorisches Zeugnis verloren gehen. Der Bethmannhof reiht sich in die Liste abgebrochener Ikonen der 1950er Jahre ein.
Erbaut: 1763–66 / 1895–97 / 1951–53
Geschütztes Baudenkmal: teilweise
Der Bau und seine Geschichte
Die Brüder Bethmann verlegten 1762 ihren Wohnsitz und die Geschäftsräume ihrer 1748 gegründeten Bank von der Bleidenstraße in den Basler Hof. Der Erwerb dieser und weiterer Frankfurter Immobilien war Ausdruck des finanziellen Erfolgs der Bankiers. Durch den Ankauf benachbarter Grundstücke und einen großen Umbau 1763 bis 1766 entstand die bis heute in der Kubatur erhaltene Dreiflügelanlage im Typus eines barocken Stadtpalais.
Das Ensemble musste 1895 bis 1897 infolge des Durchbruchs der Bethmannstraße umgebaut werden, ein willkommener Anlass zu einer zeitgemäßen Modernisierung. Einige ältere Teile wurden integriert, darunter ein barockes Portal aus dem 17. Jahrhundert in die Hoffassade. Die im Stile des Neubarock ergänzte und überformte Anlage führte die Kontinuität des Stadtpalais weiter und behielt ein Stück weit auch deren Unregelmäßigkeit in der Gebäudekörperanordnung bei. Eine Referenz auf die lange Geschichte des Ortes bildet die Fresko-Abbildung eines Straußes, die bis heute an der Fassade des Nach-Nachfolgebaus zu sehen ist und die eine Anspielung auf den Vorgängerbau des Basler Hofs darstellt, den schon im 16. Jahrhundert bezeugten „Gasthof Zum Strauß“.
Der Wiederaufbau nach Kriegsschäden, 1951 bis 1953, behielt den Bautypus der Dreiflügelanlage bei. Einige ältere Teile, wie das neubarocke Portal des Ehrenhofs zur Straße und das barocke Portal im Ehrenhof, wurden erhalten. Dagegen wurde die Fassadengliederung vereinfacht und auf die Mansarddächer verzichtet. Das Innere erfuhr durch einen Umbau in den 1990er Jahren eine weitgehende Überformung.
Denkmalgeschützt ist der Bau nur teilweise – der Wiederaufbau der 1950er Jahre nicht explizit. Die Datenbank der Kulturdenkmäler des Landes Hessen listet das Gebäude in seiner Gesamtheit als Denkmal unter Hinweis auf die Vereinfachungen des Wiederaufbaus.
Das Hessische Landesamt für Denkmalpflege und das Denkmalamt der Stadt Frankfurt haben den Zustand der 1950er Jahre nochmals geprüft und im Vergleich mit anderen Objekten dieser Zeitschicht nicht als Denkmal eingestuft. Da aber auch nicht-denkmalgeschützte Gebäude von historischer und städtebaulicher Bedeutung sind und da die Erhaltung von Bausubstanz heute nicht nur für Denkmale, sondern aus Gründen der Baukultur und der Nachhaltigkeit allgemein geboten sein sollte, verdient der Bethmannhof mit seinen jetzt prägenden Merkmalen eine Würdigung sowie eine Prüfung von Alternativen zum weitgehenden Abriss.
Foto: privat
Veränderungsdruck und Gefährdungslage
Die Bethman-Bank hatte bis 2019 im Bethmannhof ihren Hauptsitz. Derzeit residiert sie im Marienforum, da der Bethmannhof baulich marode sei. Der Abbruch ist geplant, die Neubaupläne an selber Stelle sind durch einen bereits erteilten positiven Bauvorbescheid gedeckt. Ziel ist ein vollständiger Neubau mit sechs statt bisher drei Stockwerken, der die bestehende Kubatur signifikant verändern wird und von der vorhandenen Substanz nur die historischen Fragmente bis 1897 berücksichtigt. Ein offener Architekturwettbewerb 2023 brachte keinen ersten Preis hervor. Der zweitplatzierte Entwurf von BGF+ Architekten wurde insbesondere wegen seiner städtebaulichen Inkompatibilität – Stichwort Maßstab und fehlende Kontextualität – in der Öffentlichkeit kritisiert. Die Eigentümer halten an der Neubaustrategie fest.
Bedeutungsaspekte für Architektur und Städtebau
Die Gestalt, die der Bethmannhof Ende des 19. Jahrhunderts bekam, war nicht nur eine Reminiszenz an die barocken Stadtpalais des wohlhabenden Bürgertums, sondern auch ein bedeutendes Beispiel für großstädtische Architektur des späten Historismus in Frankfurt. Das städtebaulich wirksame Gebäudeensemble wurde im Stil des Neubarock gestaltet, der um 1900 besonders für Kultur- und Verwaltungsbauten (aber auch im privaten Wohnbau) beliebt war. Im konkreten Fall stellte der Stil auch die Kontinuität zu der im 18. Jahrhundert geprägten Tradition der Bank und dem Bestandsbau her, wobei die Wiederverwendung barocker Teile eine direkte Referenz war.
Der vereinfachte Wiederaufbau Anfang der 1950er Jahre ist ein anschauliches Beispiel für den Umgang mit kriegsbeschädigten Bauten nach dem Zweiten Weltkrieg, bestimmt von den Faktoren der finanziellen Möglichkeiten und des gewandelten Zeitgeschmacks. Es handelt sich um eine Neuinterpretation eines Stadtpalais am historischen Standort. Dreiflügelanlage, Putzfassaden und die Spolien stellten damals den Bezug zur Geschichte her. Dabei ist die Pointe der Wiederverwendung insofern verdoppelt, als nun auch Teile des neubarocken Baus des 19. Jahrhunderts erhalten wurden, konkret das Hofportal zur Straße. Dieser Wiederaufbau fiel in eine Zeit, die das Erscheinungsbild der Frankfurter Innenstadt wegen der enormen Kriegsschäden neu geprägt hat. Neues Rathaus und Paulskirche sind unmittelbar benachbarte Bauten, die den Umgang der Nachkriegszeit mit älteren Bauten anschaulich vorführen: grundsätzliche Bewahrung und zeitgemäße Adaption gingen Hand in Hand.
Foto: privat
Was geht verloren?
Die Verluste an historischer Substanz bei gleichzeitiger Schlichtheit des jungen Neubaus, der kein moderner 1950er Jahre-Bau sein wollte – wie z. B. der benachbarte denkmalgeschützte Bundesrechnungshof –, sondern ein schlicht-historisierender Wiederaufbau, werden häufig im Sinne eines „Defizits“ erzählt. Dabei ist diese Zeitschicht für die Stadtbau- und Architekturgeschichte in Frankfurt und deutschlandweit überaus bedeutend und prägend. Sie ist für die Folgegenerationen von großem Wert, um die Zeitumstände und Motive der Nachkriegszeit nachvollziehen zu können. Eine kunsthistorisch und städtebaulich wichtige Zeitschicht wird ausgesiebt, wenn der Blick auf die Bewahrung der barocken und neubarocken Bauteile beschränkt bleibt.
Problematisch ist auch der zu erwartende städtebauliche Maßstabssprung. Die höhere Grundstücksausnutzung ist aus immobilienwirtschaftlicher Sicht zweifellos nachvollziehbar. Für das städtebauliche Gefüge bedeutet der deutlich größere Neubau einen Verlust, denn die vom 18. bis weit ins 20. Jahrhundert prägende Dimensionierung der Bauten in diesem Bereich der Innenstadt geht zunehmend verloren.
So reiht sich der Bethmannhof in die Liste abgebrochener Ikonen der 1950er Jahre ein, wie bspw. das Fernmeldeamt und der Erweiterungsbau des Bundesrechnungshofs, und zeigt, dass es der weiteren wertschätzenden Beschäftigung mit dieser Zeitschicht bedarf.
Fazit
An einer städtebaulich wichtigen Stelle in der Frankfurter Innenstadt wird ein bedeutendes stadt- und architekturhistorisches Zeugnis verloren gehen. Dass der geplante Neubau die Struktur einer Dreiflügelanlage behalten und mit der Materialwahl womöglich regionale Baukultur zitieren soll, kann jedenfalls aus kunsthistorischer Sicht nicht überzeugen, und auch die geplante Einbeziehung der älteren Bauteile vermittelt keinen schlüssigen Eindruck.
Es bleibt festzuhalten, dass die renditeorientierter Neubaupolitk im innerstädtischen Raum zulasten historischer Substanz und kollektiver Erinnerungsräume fortgesetzt wird und dass integrative und transparente Planungsverfahren, die für einen solch sensiblen Standort die Stadtgesellschaft, Wissenschaft und Kultur einbezieht, fehlen.
Foto: privat
Text: Martin Bredenbeck, Kilian Heck Redaktion: Marie Mamerow, Cornelia Kirschbaum