Denkmal-Ensemble
Schloss Schwarzburg, Hotel „Weißer Hirsch“, Kulturlandschaft Schwarzatal
Erbaut: spätes Mittelalter bis 18. Jahrhundert; Umbauten und Veränderungen vom 19. bis 21. Jahrhundert
Geschütztes Baudenkmal: ja [mehr dazu]
Status: drohende Gefährdung
In Schwarzburg hat sich ein in dieser geschlossenen Form nahezu einzigartiges Denkmal-Ensemble einer kleinen fürstlichen Residenz erhalten, das neben dem Schloss mit angrenzendem Kaisersaal, Kastellan-Gebäude und Zeughaus etwa auch durch den fürstlichen Bahnhof oder die Fasanerie ergänzt wird. Genauso bedeutsam und das Ensemble vervollständigend sind auch die historistischen Hotelanlagen. Der Ensemblecharakter der Gesamtanlage Schloss Schwarzburg ist aktuell jedoch durch ein großdimensioniertes Hotelprojekt bedroht: Das Resort soll in wenigen hundert Metern Luftlinie unmittelbar unterhalb des Schlossberges und in Sichtbeziehung zum Schloss errichtet werden.
Eine Fahrt von den Höhen des Thüringer Waldes hinunter nach Schwarzburg offenbart auf einen Blick die bemerkenswerte naturräumliche Lage von Schloss Schwarzburg. Überall von bewaldeten Bergen umgeben, liegt das Gebäudeensemble auf einem Felsgrat beherrschend über dem Schwarzatal.
Schloss Schwarzburg im Schwarzatal gilt als Ursprung der Dynastie der Schwarzburger, die als Grafen von Schwarzburg und seit 1723 als Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt bis 1918 dieses souveräne Fürstentum regierten und das Schloss als Jagdsitz und Sommerresidenz nutzten. Zunächst wurde die mittelalterliche Burg ab dem 16. Jahrhundert umgebaut und erweitert sowie ab dem 17. Jahrhundert zur Festung umgebaut. Nach der Erhebung in den Reichsfürstenstand 1710 erweiterten die Schwarzburger die Anlage durch die Errichtung des Kaisersaals und einer Schlosskirche mit Grablege. Schließlich wurde der Hauptflügel mit stuckierten Repräsentationsräumen und einem aufwendigen Portikus versehen. Diese nur in geringem Umfang veränderte Gebäudestruktur blieb im Wesentlichen bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Nach der Abdankung 1918 erhielten Fürst Ludwig Günther und seine Gemahlin Anna Luise lebenslanges Wohnrecht. Im Jahre 1940 erfuhr die Gesamtanlage jedoch eine einschneidende Veränderung, als die Nationalsozialisten die inzwischen verwitwete Fürstin aus dem Schloss auswiesen und es unter der Leitung des Architekten Hermann Giesler zu einem „Reichsgästehaus“ umgestalten wollten. Dazu wurden mehrere Gebäude auf dem Areal abrissen und der Hauptbau nahezu vollständig entkernt. Die vorhandene Denkmalsubstanz wurde auf diese Weise gravierend beschädigt. Seitdem blieb der Hauptbau über Jahrzehnte eine Teilruine und ein Sonderfall der Thüringer Denkmalpflege. Allerdings wurde 1965 bis 1971 immerhin das Kaisersaalgebäude restauriert.
Im Jahre 1994 wurde das Schloss schließlich an die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten übertragen. Seit 2011 sind hier die Sanierungsaktivitäten wieder verstärkt worden. Seitdem das Zeughaus saniert und dort auch seit 2018 die beeindruckende Waffensammlung wieder zu sehen ist, gewann das Denkmalensemble Schloss Schwarzburg zusätzlich an Attraktivität. Im Hauptbau selbst wurden nach dem Konzept der sogenannten „Gläsernen Denkmalpflege“, bei der die Zerstörungen als Teil der Baugeschichte sichtbar bleiben, Dach und Mittelrisalit sowie weitere Räume statisch gesichert. Sie bilden so ein beeindruckendes wie ungewöhnliches Zeugnis der thüringischen Denkmalkultur, bei der nach Abschluss der Arbeiten beispielsweise auch die Wand- und Deckenfassungen einschließlich des Stucks und des durch Besucher hinterlassenen Graffiti im Ist-Zustand konserviert werden sollen. Hier wie beabsichtigt einen historischen „Denkort“ zu etablieren, bei dem „Veranstaltungen zur Vermittlung von Demokratie, Selbstverantwortung und Weltoffenheit stattfinden sollen“ (FAZ vom 23.09.2021), ist ein vielversprechendes Nutzungskonzept dieser historisch und architektonisch so vielschichtigen Schlossanlage.
Das Residenzensemble in Schwarzburg wird allerdings nicht nur von der eigentlichen Schlossanlage gebildet. Der Ort selbst hat sich als ein in dieser geschlossenen Form nahezu einzigartiges Denkmalensemble einer kleinen fürstlichen Residenz erhalten, welches neben dem Schloss mit angrenzendem Kaisersaal, Kastellan-Gebäude und Zeughaus beispielsweise auch durch das Chausseegeldeinnehmerhäuschen am Schlossrondell, den fürstlichen Bahnhof oder auch durch die etwas weiter davon gelegene Fasanerie ergänzt wird.
Genauso bedeutsam und das Denkmalensemble Schwarzburg vervollständigend sind aber auch die zahlreichen Hotelanlagen. Denn um 1900 galt Schwarzburg mit seiner herausragenden naturräumlichen Lage über dem Schwarzatal inmitten des Thüringer Walder als beliebte Sommerfrische. Für die erholungssuchenden Gäste wurden entsprechend zahlreich Kurlogierhäuser und Hotels gebaut. Diese Hotels wurden fast ausschließlich als Fachwerkbauten im Stile des Historismus erreichtet. Besonders eindrucksvoll ist hier das Hotel „Weißer Hirsch“, welches unmittelbar an der Einfahrt zum Schloss und mit direktem Blick auf das Schloss errichtet wurde. Hier war 1919 Reichspräsident Friedrich Ebert zu Gast. Und es war hier (möglicherweise aber auch im benachbarten Hotel „Schwarzaburg“), wo Ebert am 11. August 1919 die Weimarer Reichsverfassung unterschrieb.
Der Denkmalcharakter des Gesamtensembles Schwarzburg ist aktuell jedoch durch ein großdimensioniertes Hotelprojekt bedroht. Seit einigen Monaten werden die Planungen für das „Nature Family Resort Schwarzatal“ der Firma PAB Architekten Erfurt konkreter. Geplant ist ein Resort mit 400 Betten, bestehend aus einem Haupthaus mit 72 Hotelzimmern sowie 60 bis 70 Chalets entlang des Flusses Schwarza. Das Resort soll in wenigen hundert Metern Luftlinie unmittelbar unterhalb des Schlossberges und in Sichtbeziehung zum Schloss errichtet werden. Der Ensemblecharakter der Gesamtanlage Schloss Schwarzburg wäre im Falle der Realisierung der Pläne weitreichend gestört. Es ist vor allem die Beeinträchtigung dieser Sichtbeziehung, die aus denkmalpflegerischer Sicht als ein schwerer Eingriff zu werten ist. Das Thüringer Denkmalschutzgesetz sagt in § 13 Folgendes: „Einer Erlaubnis der Denkmalschutzbehörde bedarf, […] 2. wer in der Umgebung eines unbeweglichen Kulturdenkmals Anlagen errichten, verändern oder beseitigen will, wenn sich dies auf den Bestand oder das Erscheinungsbild des Kulturdenkmals auswirken kann, […]“.
Hinzu kommt hier, dass das Resort unmittelbar neben einem weiteren Baudenkmal geplant ist, da er direkt neben der denkmalgeschützten Jugendherberge Schwarzburg gelegen ist. Die malerisch unterhalb des Schlosses gelegene Jugendherberge „Hans Breuer“ wurde der Wandervogelbewegung im Jahr 1932 vom Hamburger Kaufmann Alfred C. Toepfer gestiftet.
Der Standort befindet sich inmitten eines FFH („Flora-Fauna-Habitat“)-Gebiets sowie einem Überschwemmungsgebiet der Schwarza, die hier zuletzt 1994 massiv über die Ufer trat. Der Bebauungsplan für die Hotelanlage im Bereich der Jugendherberge Schwarzburg auf einem Gelände von 34.000 Quadratmetern wird derzeit vorbereitet (MDR THÜRINGEN vom 25.09.2021). Neben den explizit naturschutzrechtlichen Belangen sei auch darauf verwiesen, dass das Bundesnaturschutzgesetz einen weitreichenden Landschaftsschutz vertritt, der die historisch gewachsenen Strukturen einer Kultur- und Denkmallandschaft mit einbezieht: „Zur dauerhaften Sicherung der Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie des Erholungswertes von Natur und Landschaft sind insbesondere 1. Naturlandschaften und historisch gewachsene Kulturlandschaften, auch mit ihren Kultur-, Bau- und Bodendenkmälern, vor Verunstaltung, Zersiedelung und sonstigen Beeinträchtigungen zu bewahren“.
Unabhängig davon, zu welchem Ergebnis die für ein FFH-Gebiet vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung kommt, wäre mit der Verwirklichung dieses Resorts nicht zuletzt auch das Schicksal der vielen kleineren Hotels im Ort besiegelt, deren Konkurrenzfähigkeit dann endgültig nicht mehr vorhanden sein dürfte. Daher bleibt es unverständlich, warum die Unterstützung des Landes nicht anders aufgestellt ist: Das seit Jahren leerstehende und verfallende Hotel „Weißer Hirsch“ hätte eine strukturelle Hilfe des Landes Thüringen dringend notwendig, die stattdessen besagtem „Nature Family Resort Schwarzatal“ zukommt. Es darf bezweifelt werden, ob die hier offenbar gewünschten Resultate tatsächlich eine „Chance für das Schwarzatal“ darstellen und „eine wichtige Leitinvestition in eine Region“ bedeuten, „die in der Vergangenheit eine große touristische Attraktivität besaß“, so der thüringische Wirtschaftsminister (Ostthüringer Zeitung vom 09.08.2021). Die offenbar erhofften, überaus stattlichen Belegungszahlen sind heute vielleicht noch an der Ostsee oder in den Alpen zu erzielen, aber nicht mehr in einer eher abgelegenen Region wie dem Schwarzatal. Stattdessen steht vielmehr bei Verwirklichung der Pläne das Gegenteil zu befürchten, dass nämlich das Gesamtensemble Schloss Schwarzburg in seiner kunsthistorischen Werthaltigkeit massiv beeinträchtigt wird und die vorhandene Denkmalsubstanz wie beim „Weißen Hirsch“ aufgrund der dann nicht mehr gegebenen Wirtschaftlichkeit weiter verfällt. Ein denkmalverträglicher und im eigentlichen Sinne naturorientierter, maßvoller und daher sanfter Tourismus im Schwarzatal würde vielmehr bedeuten, die vielen bereits vorhandenen, jedoch kleineren Hotels in und um Schwarzburg seitens des Landes strukturell besser zu fördern.
Nicht zuletzt dürfte vielleicht folgender Sachverhalt die Verantwortlichen zum Nachdenken bringen: Dass die Thüringer Residenzkultur wie beabsichtigt ein ernsthafter Aspirant auf den Welterbe-Status werden könnte, dürfte im Falle der Verwirklichung der großangelegten Hotelpläne zum massiven Problem werden, sollte Schwarzburg jemals in diesen Antrag einbezogen werden. Denn jeder Antrag bei der UNESCO wird insbesondere hinsichtlich der Geschlossenheit seines Denkmalensembles bewertet. Ein Hotel-Resort wie das in Schwarzburg geplante – in unmittelbarer Nähe zu denkmalgeschützten Gebäuden und in Sichtweite zu der „Sachgesamtheit Schloss Schwarzburg“ – würde diesem Antrag in jedem Fall fundamental entgegenstehen.
Text: Kilian Heck
Redaktion: Marie Mamerow